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14. Oktober 2026

Antisemitismus in der Literatur erkennen

Von Schillers „Räubern“ bis zur Gegenwart – die neue Handreichung „Antisemitismus lesen lernen“ stärkt die Medienkompetenz.

Nicht erst seit den Vorfällen um die documenta und die Auftritte von Roger Waters stellt sich die Frage nach Antisemitismus in der Kultur mit neuer Dringlichkeit. Dass dieser oft codiert und über Umwege kommuniziert wird, ist bekannt – wie sich diese Codes entschlüsseln lassen, oft weniger. So wünschen sich etwa Lehrer:innen im Fach Deutsch mehr Möglichkeiten, im Unterricht über Antisemitismus zu sprechen, vermissen dazu aber geeignete Unterrichtsmaterialien. Aber auch im Germanistik-studium und in der künstlerischen Praxis, etwa an Theatern, wird das Thema oft nur gestreift.

Die Publikation „Antisemitismus lesen lernen. Eine Handreichung zur deutschsprachigen Literatur vom 18. Jahrhundert bis in die Gegenwart – für Unterricht, Studium und Kulturinstitutionen“ von Christoph Huber und Rahel Stennes widmet sich der systematischen Erschließung von literarischem Antisemitismus. Herausgegeben wird die Veröffentlichung vom Institut für Neue Soziale Plastik in Kooperation mit Dr. Ludwig Spaenle, dem Beauftragten der Bayerischen Staatsregierung für jüdisches Leben und gegen Antisemitismus, mit Förderung durch das Bayerische Staatsministerium für Familie, Arbeit und Soziales.

Von Schiller bis zur Gegenwart

Die Handreichung ist als sofort nutzbares didaktisches Praxismaterial angelegt. Jedes Kapitel verbindet wissenschaftliche Hinführungen mit einschlägigen Bild- und Textquellen sowie konkreten Aufgabenstellungen und Modellanalysen für Unterricht und Studium. Beginnend mit einer Untersuchung von Schillers Drama „Die Räuber“ und der Darstellung der Figur Moritz Spiegelberg zeigt die Handreichung im nächsten Kapitel den Einfluss antijüdischer Diskurskultur der Romantik am Beispiel von E. T. A. Hoffmanns Schauererzählung „Der Sandmann“ und seinem Bösewicht Coppelius/Coppola. Formen der Täter-Opfer-Umkehr und Schuldabwehr in der Nachkriegsliteratur werden anhand von Wolfgang Borcherts Heimkehrerdrama „Draußen vor der Tür“ analysiert, während der Abschnitt über Gegenwartsliteratur den Topos der „schönen Jüdin“ anhand der Debatte um Takis Würgers Roman „Stella“ (2019) erörtert.

Analyse statt Tabuisierung

„Die Publikation reagiert auf die Beobachtung, dass Debatten über Antisemitismus im Kulturbetrieb zwar häufig politische Äußerungen aufgreifen, die Kunstwerke selbst jedoch selten auf ihre antisemitischen Gehalte und Tradierungswege hin untersuchen”, sagt Stella Leder vom Institut für Neue Soziale Plastik. „Wir verstehen Kunst und Literatur als mächtige Wissensspeicher, in denen antisemitische Narrative, Vorurteile und Gefühlsmuster über Jahrhunderte hinweg konserviert und zugleich an den jeweiligen Zeitgeist angepasst werden”, ergänzt sie. Ein zentrales Anliegen sei es, einen verantwortungsvollen Umgang mit der kulturellen Tradition aufzuzeigen, sagt der bayerische Antisemitismusbeauftragte Dr. Ludwig Spaenle: „Wer sich kritisch mit Antisemitismus in der Kulturgeschichte auseinandersetzt, kann ihn auch in seinen gegenwärtigen Erscheinungsformen – z.B. im Hass auf Israel – besser erkennen und ihm entgegentreten.“

Die Handreichung setzt auf eine präzise literatur- und textanalytische Dekodierung. Indem gezeigt wird, wie subtil und wandlungsfähig antisemitische Stereotype als Weltdeutungsmuster in literarischen Texten funktionieren, und wie weit sie historisch zurückreichen, sollen wichtige Methoden- und Medienkompetenzen zur Erkennung und Prävention von Judenfeindschaft in Geschichte und Gegenwart vermittelt werden. Die Publikation richtet sich dabei gezielt an Lehrkräfte an Schulen, Lehrende und Studierende der Germanistik sowie an Dramaturg:innen, Theater und Institutionen der außerschulischen Bildungsarbeit. Um den unterschiedlichen Anforderungen in Schule, Hochschule und Kulturpraxis gerecht zu werden, verzichtet das Werk auf starre Erwartungshorizonte und ermöglicht so eine flexible Anpassung an die jeweilige Zielgruppe.

Bayerns Sozialministerin Ulrike Scharf betont: „Antisemitismus hat keinen Platz in unserer Gemeinschaft. Viele Jüdinnen und Juden verheimlichen ihre Identität, weil sie online und offline massiv angegriffen werden. Das ist unerträglich. Wir steuern dagegen. Präventionsarbeit setzt genau dort an. Wir widersprechen und klären aktiv auf. Die Broschüre leistet einen wichtigen Beitrag zu einer kritischen und informierten Auseinandersetzung mit antisemitischen Bildern und Stereotypen in der Literatur. Danke für die wichtige Aufklärungsarbeit.“

Die Publikation wurde am 8. Oktober 2026 im Rahmen eines Themenabends in der Bayerischen Landesvertretung in Berlin von Dr. Ludwig Spaenle, Benno Plassmann vom Institut für Neue Soziale Plastik sowie der Autorin Rahel Stennes und dem Autor Christoph Huber vorgestellt. Die Veranstaltung fand statt im Rahmen des vom Bayerischen Staatsministerium für Familie, Arbeit und Soziales geförderten Projekts „Kunst und Funktion. Antisemitismuskritische Unterstützung für Kulturinstitutionen und Künstler:innen in Bayern“ des Instituts für Neue Soziale Plastik.

Christoph Huber und Rahel Stennes: Antisemitismus lesen lernen. Eine Handreichung zur deutschsprachigen Literatur vom 18. Jahrhundert bis in die Gegenwart – für Unterricht, Studium und Kulturinstitutionen. Hg. vom Institut für Neue Soziale Plastik. Redaktion: Stella Leder. München 2026.

Die Publikation kann hier kostenlos heruntergeladen werden: 
https://neue-soziale-plastik.de/de/publikationen/antisemitismus-lesen-lernen/

Zu den Beteiligten

Das Institut für Neue Soziale Plastik wurde 2015 von einer Gruppe antisemitismuskritischer und jüdischer Künstler:innen gegründet. Als Kulturinstitution ohne Gebäude entwickelt es Performances, Installationen und Ausstellungen zu Themen der jüdischen Gegenwart, zu Erinnerungskultur und Antisemitismus – oft in Kooperation mit anderen Institutionen. Neben eigenen Produktionen bietet das Institut maßgeschneiderte prozessorientierte Beratungen, antisemitismuskritische Produktionsbegleitungen sowie Fortbildungen und Workshops für Kultureinrichtungen an, die sich mit Antisemitismus in Geschichte und Gegenwart von Kunst und Kultur befassen wollen.

Dr. Ludwig Spaenle wurde im Mai 2018 vom bayerischen Ministerpräsidenten zum Beauftragten der Bayerischen Staatsregierung für jüdisches Leben und gegen Antisemitismus, für Erinnerungsarbeit und geschichtliches Erbe ernannt. Ende 2023 wurde er in seinem Amt für weitere fünf Jahre bestätigt. In der Beauftragung kommt zum Tragen, was ihn bewegt: die Darstellung und Förderung des jüdischen Lebens in Bayern sowie Maßnahmen gegen Antisemitismus und Judenhass. Er steht für Anstrengungen zur Erinnerungsarbeit und zum geschichtlichen Erbe in einem umfassenden Sinne.

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